Ich suche nicht mehr nach ihr.

Über Herkunft, Perspektivwechsel und die Entscheidung, nicht jede offene Frage beantworten zu müssen.
 

Über Herkunft, Perspektivwechsel und die Entscheidung,

nicht jede offene Frage beantworten zu müssen.

Heute ist der 04. Oktober und es gibt eine Sonderausgabe meiner Kolumne. Es war der Tag, an dem ich mit fast vier Monaten aus Indien aufbrach, um am 05. Oktober 1981 in Hannover zu landen.

Ich weiß, einige von euch interessieren sich für das Thema Adoption. Aber vielmehr steckt in dieser Folge: ein Einblick in meine ganz persönliche Transformation und Selbstführung.

Viele von euch haben auch intensive Veränderungsphasen hinter sich und ich möchte euch durch diese Folge einladen, Methoden und Tools zu teilen, die euch ein Stück weit zu euch selbst geführt haben. Über Kommentare freue ich mich daher sehr!

 

Ein Rückblick.

Der Tag, an dem ich beschloss, meine leibliche Mutter nicht mehr zu suchen, löste in mir eine neue Form von Liebe und Mitgefühl aus. Und auch der Gedanke daran, wie Erfahrungen, Ängste und Entscheidungen über Generationen hinweg weiterwirken können, spielte bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Wie oft habe ich in meinem Leben gehört, ich müsse doch nach Indien fahren. „Du musst doch wissen, wo du herkommst!“ „Du solltest doch deine Verwandten kennenlernen und vielleicht findest du ja auch deine Eltern!“ „Du musst doch deine Wurzeln entdecken!“

„Was für unverschämte Aufforderungen“, sage ich dazu aus heutiger Sicht.

Ich muss gar nichts. All diese Ratschläge kamen von Leuten, die nicht mal ansatzweise unter den gleichen Voraussetzungen ins Leben gestartet sind und ohne Perspektivenwechsel aus ihrem Wertesystem heraus agierten.

Gleich ein Angriff zu Beginn dieses Textes?

Nein, eine Sensibilisierung dafür, wie ratlos diese Aufforderungen ein Kind und einen jungen Menschen hinterlassen.

Ich fühlte mich lange schuldig und hatte ein schlechtes Gewissen, mich noch nicht genug mit diesem Thema beschäftigt zu haben. Meine (Adoptiv)Eltern waren und sind meine Eltern. Meine Geschwister sind meine Geschwister. Niemand hat mir je innerhalb der Familie das Gefühl vermittelt, ich wäre kein Teil davon. Und dafür bin ich unendlich dankbar, denn ich sehe auch Adoptivkinder, bei denen das anders war. Trotzdem habe ich manchmal eine Sonderrolle gespielt, die ich gar nicht spielen wollte, dazu aber mehr an anderer Stelle.

Und diese Fragen haben auch dazu geführt, dass ich immer wieder daran erinnert wurde, nicht „von dort“ zu kommen, wo ich doch lebte.

So verdrängte ich das Thema, dass es da noch einen anderen Teil in mir geben konnte und versuchte mich, meiner Umgebung anzupassen. Das gelang mittelmäßig. Auch dazu an anderer Stelle mehr.

Erst als ich etwas älter wurde und die Frage „Fahren wir mal nach Indien?“ auf den Tisch brachte, bekam ich von meinen Eltern die erste und einzige Abfuhr.

Meine Mutter hatte panische Angst, dass ich nach der anderen Mutter suchen würde und sie mich verlieren könnte. Von meinem Vater kam etwas Ähnliches, was für mich nach der Rückfrage klang, ob es mir denn zu Hause nicht gefalle.

Schon beim Schreiben jetzt merke ich, dass ich einen Kloß im Hals bekomme. Ich durfte das nicht fühlen.

Offensichtlich gab es die Idee, nach Indien zu fahren, während meiner Pubertät doch das ein ums andere Mal. Aber ich besprach sie nur noch mit Freundinnen. Daran erinnerte mich auch letztes Jahr eine von ihnen bei unserem Jahrgangstreffen.

 

Völlig anders als gedacht.

Ich näherte mich dem Thema mit meiner leiblichen Mutter völlig anders und zwar ohne es zu wissen. Es war der Weg der Klärung.

Erst als meine Adoptiveltern gestorben waren, was jetzt schon 15 bzw. 11 Jahre her ist, entstand für mich ein Raum, über meine Herkunft und Wurzeln erstmals nachzudenken, ohne mich selbst dafür zu verurteilen.

Zeitgleich begann ich mit Yoga – zunächst wöchentlich und eine Zeit lang deutlich intensiver während meiner Ausbildung. Ich lernte meinen Körper anders kennen. Meine Intuition und Menschenkenntnis gegenüber anderen war schon immer sehr ausgeprägt, darauf sind meine Alarmsysteme trainiert.

Und seit etwa zehn Jahren bekommt der Körper eine andere Aufmerksamkeit. Ich fing an, ihm anders zu vertrauen und seine Botschaften zu verstehen. Und darüber bekam ich auch einen anderen Zugang zu der Frage nach meiner leiblichen Mutter.

 

Embodiment & Yoga.

Meine erste eindringliche Erfahrung hierzu war das holotrope Atmen.

Holotropes Atmen ist eine von Stanislav und Christina Grof entwickelte Methode der Selbsterfahrung, bei der intensives Atmen und Musik eingesetzt werden, um veränderte Bewusstseinszustände zu ermöglichen.

Ich durfte diese Erfahrung unter professioneller Anleitung und im geschützten Raum im Rahmen eines Schweige- und Detox-Retreats machen.

Bei mir löste diese Erfahrung sehr intensive körperliche und emotionale Reaktionen aus. Unter anderem schmerzende Handgelenke, als würden sich dort Schlingen einschneiden. Und noch einige andere Erlebnisse, die aus meinem Unbewussten nach oben kamen.

Nach diesem ersten Erlebnis stand ich erstmal eine Zeit neben mir. Ich hatte das Gefühl, sehr weit in frühe Erfahrungen zurückgeführt worden zu sein.

Ich entschied, mein Erlebnis mit meinem Bruder zu besprechen. Er war 18 Jahre alt, als ich in die Familie kam. Aber bevor ich ihm erklärte, was ich da eigentlich für eine Erfahrung gemacht hatte, stellte ich ihm eine andere Frage. „Kannst du mir darüber etwas sagen, in welchem körperlichen Zustand ich damals angekommen bin?“

Vielleicht muss ich kurz erwähnen, dass ich diese Frage nie zuvor an meine Geschwister, sondern an meine Eltern gestellt hatte. Und an diesem Punkt wurde mir klar, dass sie mich vor gewissen Infos geschützt haben.

Mein Bruder antwortete mir ehrlich, nachdem er spürte, wie wichtig mir das war: „Oh, du warst in einem ziemlich schlimmen Zustand. Du hattest ganz blutige Handgelenke!“

Als er diesen Satz sagte, fiel mir fast das Telefon aus der Hand. Die Übereinstimmung zwischen dem, was ich in dieser Atemsession erlebt hatte, und seiner Erinnerung an meinen damaligen körperlichen Zustand traf mich tief.

Ob und wie sich solche frühen Erfahrungen tatsächlich körperlich erinnern lassen, kann ich daraus wissenschaftlich nicht ableiten. Für mich persönlich war diese Erfahrung dennoch ein Wendepunkt.

Ich begann mich intensiver mit der Frage zu beschäftigen, was unser Körper aus frühen Erfahrungen mitträgt – und wie sehr ich lernen wollte, meine eigenen körperlichen und intuitiven Signale bewusster wahrzunehmen.

 

Die Entscheidung.

Im Laufe der Jahre erfuhr ich, dass sich auch meine Erkenntnisse über meine leibliche Mutter durch Aufstellungen aus der intrapsychischen Systemarbeit für mich immer wieder stimmig anfühlten.

Vor gut vier Jahren konnte ich dann mit der Frau sprechen, die mich damals in Indien in der Klinik aufnahm. Diese Geschichte findet ihr auch in meinen LinkedIn Posts. In diesem sehr aufregenden Online-Gespräch erzählte sie mir, meine Mutter sei minderjährig gewesen (was ich in der Aufstellung gesehen hatte) und habe mich im Sassoon Krankenhaus in Pune abgegeben.

Und gleichzeitig hat sie bei meinem ersten Anflug, meine leibliche Mutter zu suchen, sehr ablehnend reagiert. Ich solle doch zufrieden sein. Meine leibliche Mutter habe mich im Bauch getragen, meine Adoptiveltern im Herzen.

Das machte mich missmutig. Sie fuhr fort: „Vermutlich hat deine Mutter nach deiner Geburt nochmal eine eigene Familie gegründet!“

Und da war der Groschen gefallen.

Ich hatte auf einmal Mitgefühl. Ich sah plötzlich nicht mehr nur die Mutter, die ein Kind abgegeben hatte. Ich stellte mir eine sehr junge Frau vor, möglicherweise selbst noch ein Mädchen, in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem eine uneheliche Schwangerschaft ihre gesamte Zukunft bedrohen konnte. Vielleicht war ihre eigene Sicherheit gefährdet. Vielleicht ihre gesellschaftliche Stellung. Vielleicht die Möglichkeit, später zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Ich weiß bis heute nicht, ob ihre Geschichte tatsächlich so war. Zumal später das Thema Kinderhandel noch dazu kam.

Aber zum ersten Mal konnte ich eine mögliche Perspektive von ihr einnehmen.

Was sollte ich da mit 45 noch auf die Suche gehen, sie eventuell finden und ihr das Leben mit meiner westlichen Sichtweise und meiner eigenen Vorstellung davon, was diese Begegnung für mich bedeuten könnte, schwer machen?

Sicher nicht. Vielleicht muss(te) ich meine Mutter gar nicht finden.

Lange dachte ich, Klärung bedeute, Antworten zu bekommen: Namen. Orte. Fakten. Vielleicht sogar eine Begegnung.

Heute glaube ich, dass Klärung manchmal auch etwas anderes bedeuten kann. Eine Geschichte nicht mehr lösen zu müssen, sondern etwas loszulassen, anzunehmen. Die Perspektive wechseln zu können. Mitgefühl für jemanden zu entwickeln, dessen Geschichte man wahrscheinlich nie vollständig kennen wird. Und gleichzeitig anzuerkennen, was die eigene Geschichte mit einem gemacht hat.

Ich suche meine leibliche Mutter heute nicht mehr. Nicht, weil sie mir egal ist. Sondern weil ich nicht mehr glaube, dass ich sie finden muss, um zu wissen, wer ich bin. Und sicher weiß ich auch nicht, ob diese Geschichte stimmt.

Aber sie hat mir großen Frieden und Klarheit gebracht.

Vielleicht ist Selbstführung manchmal genau das: zu erkennen, welcher Frage ich weiter folgen möchte und welche ich irgendwann loslassen darf.

 

Mich interessiert deshalb diesmal besonders:

Welche Erfahrungen, Methoden, Begegnungen oder Erkenntnisse haben dir geholfen, dir selbst näherzukommen?

 

Eure Radha

 

Und weil diese Ausgabe sehr persönlich geworden ist, passt vielleicht auch dieser Hinweis besonders gut:

Am 25.10. bin ich beim In-Studio Festival in Ingolstadt im „Studio fürs UND“ meiner Herzens-Kollegin Antje Maichle dabei.

In meinem Workshop „Shift Happens – vom Körper zum Muster, vom Muster zur Wahl“ geht es darum, eigene Muster wahrzunehmen und neue Wahlmöglichkeiten zu entdecken.

Mehr Infos und Tickets: https://www.in-studiofestival.de/

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Wie viel Veränderung hält ein Mensch eigentlich aus?